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Die
verlorene Zeit bleibt verloren. Anmerkungen zu drei Photo-Serien
von Spiros Margaris Kommentar von Daniel Marzona, im Juni 2002 Spiros Margaris untersucht in seinen Serien Mein Spielplatz, Die Turnhalle und Schulträume die Funktion der Photographie im Hinblick auf ein individuelles Gedächtnis, auf ein persönliches Erinnern. Als Erinnerungsbilder spüren diese Photographien einer Vergangenheit nach und machen doch schlagartig klar, dass diese als bildgewordene Realität im nachhinein nicht mehr zu haben ist. In einer Zeitverschiebung von gut zwanzig Jahren können photographische Bilder das Wesen einer spezifischen Erinnerung naturgemäss nicht objektiviert zum Vorschein bringen, da jede spezifische Erinnerung individuell codiert und konnotiert ist, durchdrungen vom Erleben des Erinnernden. Das heisst, dass die Motive gegebenenfalls für den Künstler den Charakter einer spezifischen Gedächtnisstimulans einnehmen mögen, dass sie gleichzeitig diese Funktion kaum je fur den "unbeteiligten" Betrachter erfüllen können. In gewisser Hinsicht ist das Projekt also von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ein geplantes Misslingen, wie es scheint, da die Photographien erst in ihrem Scheitern an einer vorgeblichen Aufgabe die Bedeutung erlangen, die uns anrührt. Denn es geschieht etwas beim Betrachten dieser wunderbar naiven Serien, die jeweils das nüchterne Bild eines Ortes, sei es ein Klassenzimmer, sei es eine Turnhalle, mit dem selben Motiv inklusive des im Bild anwesenden Künstlers konfrontieren. Verloren wirkt der junge Mann im Anzug, jeglicher Individualität beraubt, scheint er offensichtlich der Zeit entwachsen, deren Erinnerung er beschwört . Eben diese offenkundige Verlorenheit des Mannes in der im Bilde festgehaltenen Umgebung, die seine Kindheit repräsentiert, findet Anschluss an allgemeingültige Gedächtnismuster. Denn obwohl den meisten Menschen unserer von kriegerischer Zerstörung verschonten Generationen die Orte ihrer Kindheit noch unversehrt zur Verfügung stehen, fühlen wir uns zumeist fremd, geradezu entfremdet, sobald wir sie aufsuchen.
Der Anblick
einer Photographie aus Kindertagen vermag uns dagegen oftmals emotional stärker
in den Bann zu ziehen, als der reale Besuch der abgebildeten Orte in der Jetztzeit.
So offenbaren die Serien Spiros Margaris' ganz im Einklang mit den Ideen von
Roland
Barthes, dass Photographien die Erinnerung an bestimmte, längst vergangene
Ereignisse auf ähnliche Weise beflügeln können, wie der von Marcel Proust
beschriebene Geruch und Geschmack eines in Kindertagen genossenen Gebäcks.
Gleichsam zeigen sie jedoch, dass sich diese Funktion der Photographie nicht
nachträglich konstruieren und vor allem nicht objektivieren lässt.
In seinem
Buch "Die
helle Kammer" versucht Barthes die Magie der Photographie mit dem Satz
"So ist es gewesen" zu charakterisieren. In ihrer Rückführbarkeit
auf eine unhintergehbar vergangene Wirklichkeit liege die Faszination jeder
Photographie. Des Weiteren weist Barthes der Photographie einen subjektiven und
einen objektiven Gehalt zu, wenn er vom Punctum und Studium der Photographie
spricht. Zu den Photographien Spiros Margaris' liesse sich anmerken, dass ihr
Geheimnis nicht in ihrem "So ist es gewesen" begründet sein kann, da
sich die vergangene Wirklichkeit in diesen Bildserien unmittelbar als eine
konstruierte Gegenwart herausstellt. Die tiefere Bedeutung kommt den Bilder
demgegenüber dadurch zu, dass sie trotz aller Melancholie und Sentimentalität
unmissverständlich zeigen, dass eine Vergangenheit atmosphärisch nicht über
den Weg einer topographischen Rekonstruktion in der Gegenwart zu vermitteln ist.
Nun beginnen wir also zu ahnen, warum der Künstler so traurig und verloren
wirkt. Er kann sich den Orten
seiner Kindheit im Bild nicht anverwandeln, die angestrebte Annäherung an das
vergangene Glück oder Unglück misslingt. In den Bildern verschmilzt das
Punctum untrennbar mit dem Studium, die angestrebte subjektive Wiedererinnerung
einer Vergangenheit geht in der konstruierten Gegenwart nicht auf.
Direkt nach der Erfindung der Photographie, in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts, schwärmten mit einer Kamera ausgerüstete Mitarbeiter der "Historischen Kommission" zu Dutzenden in ganz Frankreich aus, um Kirchen und andere vom Verfall bedrohte Bauwerke zu dokumentieren. Ihre Mission war durchaus von Erfolg gekrönt, schliesslich trugen sie in weniger als fünfzehn Jahren einige tausend Photographien zusammen, die jeweils sorgsam archiviert wurden. So lieferte die Photographie bereits wenige Jahre nach ihrer Erfindung ein unschätzbares Instrument der Denkmalpflege und der architekturgeschichtlichen Forschung und wurde gleichsam in den Apparat des gesellschaftlichen Gedächtnisses integriert.
Die
Bildserien von Spiros Margaris verdeutlichen auf humorvoll-betrauernde Weise,
den Unterschied zwischen universellem und individuellem Gedächtnis, indem sie
einem Medium, nämlich der Photographie, eine Aufgabe übertragen, die es nicht
zu leisten vermag. Erinnerungen sind eben luftiger, verschwommener als Bauwerke
und haben keine Topographie, die sich photographisch dokumentieren liesse.
Ebenso wie Träume entziehen sich Erinnerungen, sofern sie nicht
gesellschaftlich ritualisiert werden, einer eindeutigen Beschreibung und
Bedeutung. Immerhin konfigurieren die Bilder eine Matrix der Erinnerung, ein
Schema, das im Betrachter das Thema sowohl emotional als auch analytisch aufruft
und Raum für Reflexion bietet. Indem Spiros Margaris sein Thema mit
medien-theoretischen Aspekten kurzschliesst, öffnen sich seine scheinbar
schlichten Bilder einem Universum der Spekulation, das letzten Endes sogar
philosophische Fragen berührt. Nicht uninteressant wäre es beispielsweise, die
Bildserien Spiros Margaris mit der Geschichtsphilosophie
Walter
Benjamin's in Beziehung zu setzen. Hatte jener doch ein geradezu
photographisch verfasstes, dialektisches Bild, in welchem das Vergangene mit der
Gegenwart blitzartig eine sinnstiftende Konstellation eingeht, in das Zentrum
seiner geschichtsphilosophischen Überlegungen gestellt, und behauptet, dass
eine solche Konstellation stets einer Konstruktion bedarf. - Das wäre dann
allerdings ein anderer Text. Daniel Marzona |